Tiefstes Mittelalter

Vor kurzem bin ich in einer verlassenen Scheune auf sehr alte Bücher gestoßen, die ich gerade noch vor dem Sperrmüll retten konnte. Natürlich machte ich mich sofort daran, den Inhalt zu ergründen, was gar nicht so leicht war, denn die Seiten waren brüchig und die Handschrift des Schreibers für heutige Zeiten eigentlich nur Gekritzel mit dem Federkiel. Trotzdem ist es mir gelungen, lest selbst …

In einem Dorf gegenüber dem Bischofssitz Moguntia lebte ein Mann namens Michel mit seiner liebreizenden Frau, zwei hübschen Töchtern und einem meist braven Hund. Die Familie war nicht reich aber alle arbeiteten fleißig, so dass die Mädchen sogar die Schule für höhere Töchter besuchen konnten. Neben einem kleinen Haus besaßen die Eheleute auch zwei Pferde, ein mittelgroßes aus Böhmen und ein kleines schwäbisches mit Stern. Nun kauften Sie ein neues, großes Pferd, da sie doch immer wieder gemeinsam unterwegs sein mussten und auch dann und wann schwere Lasten zu transportieren hatten, was mit dem kleinen Pferd leider nicht möglich war. Da das kleine Pferd zwar nicht mehr ganz jung aber noch sehr behende war, gute Zähne und ein glänzendes Fell hatte, sollte es verkauft werden, damit ein neuer Besitzer sich daran erfreuen könne. Also wurde es auf dem jederzeit offenen, modernen Pferdemarkt angeboten, der allen Bürgern des Reiches zugänglich war. 

Nach einigen Tagen dann kam eine Depesche von einem Mann, der sich für das Pferd interessierte und es begutachten wollte. Es war der Kohlenbrenner aus einem Weiler einige Meilen südöstlich der freien Reichsstadt Frankfurt. Er kam mit seinem Bruder auf einem britannischen Ross, auf welchem das Brandzeichen OF prangte und hatte einen Sack voll Taler dabei, für den Fall, dass er kaufen wolle. So geschah es dann auch nachdem der Kohlenbrenner das Pferdchen ausführlich geprüft und von Michel einen ordentlichen Preisnachlass erhalten hatte. All dies wurde selbstverständlich in einem schriftlichen Kontrakt festgehalten, denn Gottseidank waren beide Vertragsparteien des Lesens und Schreibens mächtig. 

Es hätte so schön sein können, doch leider nahm das Unheil seinen Lauf. Schon auf seinem Heiweg rief der Kohlenbrenner den Eheleuten zu, dass irgendetwas mit dem Pferd nicht in Ordnung sei, was allerdings unmöglich war, denn es wurde regelmäßig vom Tiermedicus untersucht, der ihm stets beste Gesundheit bescheinigte. Es kam sogar noch schlimmer in Form mehrerer Depeschen, in denen dann behauptet wurde, das Pferd würde schnaufen und keuchen, außerdem seien Hufeisen lose und deshalb solle es zurückgebracht und der Vertrag wieder gelöst werden. Genau diesen Vorgang sah der geschlossene Vertrag aber nicht vor, da der Kohlenbrenner das Pferd gekauft hatte wie gesehen und die Eheleute auch ein völlig gesundes Tier übergeben hatten, bei dem weder an Fell noch Zähnen noch Hufen geschönt oder manipuliert war. 

Dies weigerte sich der Kohlenbrenner zu akzeptieren und drohte mit enormen Kosten, die auf Michel und seine Frau zukommen würden, sollten sie nicht seinem Willen folgen. Angeblich kannte er mehrere Fälle, bei welchen ein verkauftes Pferd zurückgenommen werden musste und die Verkäufer einen Schaden daraus erlitten. So blieb  den braven Eheleuten dann nichts anderes übrig als das Ersparte anzugreifen und sich mit ihrem Anliegen an den örtlichen Advocatus zu wenden. Dieser hörte sich die Schilderung der Ereignisse an, besah die eingegangenen Depeschen, las den Vertrag ganz genau und gelangte zu der Meinung, dass selbstverständlich alles völlig rechtmäßig abgelaufen sei und der Kohlenbrenner keine Handhabe besäße. All dies teilte er diesem dann auch in einem gesiegelten Briefe mit. 

Hier enden die Aufzeichnungen des ersten Bandes. Ich weiß nicht, wie es euch geht aber ich bin gespannt auf die Fortsetzung und fiebere mit dem redlichen Michel und seiner Frau, dass es ein gutes Ende für sie nimmt. Mal sehen, ob das nächste Buch mit der Fortsetzung dieser Geschichte aufwartet.

CU

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1 Kommentar zu „Tiefstes Mittelalter“

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